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Hört meine Stimme - Nour erzählt

14.02.2019 CJD Bodensee-Oberschwaben « zur Übersicht

NOUR, 21 JAHRE

„Heimat ist für mich Familie, Freunde, Erinnerungen, Kindheit: einfach alles. Wenn kein Krieg wäre, hätte ich sie nie verlassen. Ich denke, die meisten haben dieselbe Vorstellung von Heimat, für alle Menschen ist sie eine wichtige Sache.“

Nour und ich treffen uns im Zug nach Überlingen. Ich komme von Friedrichshafen, sie steigt in Salem zu. Nach einem kurzen „Wie geht’s dir?“ sind wir sofort mitten im Gespräch. Sie erzählt mir, dass sie die letzten Wochen Prüfungen hatte und bis auf Mathe mit ihren Ergebnissen auch zufrieden ist. Nächstes Jahr wird sie dann die Fachhochschulreife ablegen. Um an der Constantin-Vanotti-Schule aufgenommen zu werden, musste sie zuerst Deutsch-Niveau B2 ablegen und eine Aufnahmeprüfung bestehen. Auch die vielen Präsentationen seien neu für sie gewesen. „Am Anfang war ich da noch sehr schüchtern“, erinnert sie sich. Inzwischen hält sie auch auf Englisch Vorträge. „Ich lerne dabei viel aus meinen Fehlern“, betont sie.

Dabei sind Sprachen ihr liebster Bereich in der Schule. Sie lernt aktuell neben Deutsch auch Französisch, wobei sie ihren Deutschkurs schon vor mehr als einem Jahr abgeschlossen hat. Seit sie zur Schule geht, besucht sie den regulären Deutschunterricht, den auch Muttersprachler haben. Bald möchte sie auch Italienisch lernen. „Ich finde, dass es eine schöne Sprache ist, so elegant“, begründet sie. Ihre eigentliche Traumsprache sei allerdings Spanisch. „Da hat man mir aber gesagt, es sei zu kompliziert. Deshalb fange ich erst einmal mit Italienisch an.“

Inzwischen sind wir in Überlingen angekommen und gehen vom Bahnhof an den See. Es ist warm und wir hoffen auf etwas Schatten. Ganz nebenbei erfahre ich, dass Nour Überlingen an Istanbul erinnert: Die schönen alten Gebäude direkt am Wasser. Zweieinhalb Monate habe sie dort verbracht und dabei auch Türkisch gelernt. Ob es daran liegt, dass die meisten ihrer Freundinnen in Deutschland türkischstämmig sind? „Eigentlich sprechen wir miteinander Deutsch“, meint sie. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass Deutsch die Muttersprache für mich ist. Wenn ich Französisch übersetze, dann übersetze ich erst auf Deutsch und dann ins Arabische“, erklärt sie mir lachend. Gleichzeitig habe sie ein kleines Notizbuch, in das sie jedes neue deutsche Wort hineinschreibt, das sie aufschnappt. Auch Englisch hat sie – so sagt sie – erst in Deutschland richtig gelernt. „Hier spricht man im Unterricht Englisch, in Syrien war das anders. Da haben wir nur Vokabeln gelernt, aber nicht gesprochen.“, schildert sie.

Sonst merkt sie weitere Unterschiede: „In Deutschland ist alles geregelter und die Leute sind pünktlich“, beschreibt sie. Sie selbst erlebt Pünktlichkeit als Zeichen von Respekt. Auch für nach der Fachhochschulreife hat sie bereits Pläne. Um herauszufinden, welcher Beruf etwas für sie ist, hat sie „so viele“ Praktika gemacht. Beim Floristen und im Kindergarten etwa. Im Rahmen von „wissen was geht!“ habe sie außerdem letztes Jahr in unterschiedliche Bereiche tageweise reingeschnuppert: Ins Landratsamt, Krankenhaus, das Hotelgewerbe... und schließlich weiß sie nun, was sie einmal machen möchte. Sogar drei Pläne hat sie. Am liebsten würde sie im Landratsamt arbeiten im Bereich Integration und Migration. „Da war ich schon öfter und habe für andere übersetzt, meistens Arabisch, manchmal auch Türkisch.“ (Das Gespräch war vor einigen Wochen. Inzwischen macht Nour dort ein Praktikum.)

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