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Hört meine Stimme - Nazli erzählt

21.01.2019 CJD Bodensee-Oberschwaben « zur Übersicht

Nazlı ist 31 Jahre alt und in Istanbul aufgewachsen. Als Kind schaute sie gern deutsche Zeichentrickfilme und weil sie die nicht verstehen konnte, setzte sie sich damals schon in den Kopf, irgendwann einmal Deutsch zu lernen. „Meine Eltern waren auf französischen Schulen, das war in unserem Umfeld so üblich“, erinnert sie sich. „Alle meine besten Freunde aus der Grundschule sind tatsächlich auf die französische Schule gegangen.“ Ihre Eltern versuchten sie mit einem Ausflug zu der französischen Schule zu überzeugen. „Meine Mutter hat mir den schönen Garten dort gezeigt und einen Tag richtig Werbung gemacht.“ Trotzdem stimmten ihre Eltern schließlich zu, sie auf dem „Istanbul Lisesi“, einem deutschen Gymnasium in Istanbul, anzumelden. „Ich wollte einfach Deutsch lernen“, erklärt Nazlı. Die Entscheidung hat sie nie bereut. „Was ich von da erzählt habe, wie wir lernen durften, das hat meine Mutter anfangs irritiert“, lacht sie. Die französischen Lehrer seien viel strenger gewesen. Sie hätten sogar in bunten Farben ihre Hausaufgaben abgeben dürfen, so, wie es ihnen selbst am besten gefiel: Meine Mutter war echt perplex, als sie zum ersten Mal mein Hausaufgabenheft gesehen hat. Sie dachte, ich würde dafür Ärger bekommen.“ Die Entscheidung, entgegen der Familientradition eine deutsche Schule zu besuchen, hat sie nie bereut: „Wir sind immer unterstützt worden und ich hatte tatsächlich keinen einzigen doofen Lehrer.“ Bei der Studienentscheidung setzte sie wiederum ihren Dickkopf durch. Da allerdings mit weniger Erfolg. „Aus einem bis heute mysteriösen Grund habe ich mich dazu entschieden, Politik zu studieren. Vorher habe ich mich keine einzige Sekunde meines Lebens für Politik interessiert“, sagt sie lachend, „Politik war immer so eine Bubble, die außerhalb meiner Welt geschwebt ist.“ Durchgezogen habe sie das Studium dennoch, auch wenn sich direkt am Anfang herausgestellt habe, dass es wirklich nicht ihr Themenfeld gewesen sei. Dennoch bereue sie diese Wahl nicht: „So lernt man, mit den Folgen seiner eigenen Entscheidungen zu leben.“ Nach dem Studium hat sie angefangen, für ein Kulturbüro zu arbeiten. Später, 2012, stand sie dann in Berlin und bereitete sich auf ihr Masterstudium vor. „Irgendwas mit Kulturmanagement“ wollte sie studieren. Die Auswahl war damals klein, ihre Wahl fiel auf die Zeppelin Universität in Friedrichshafen. „Ich dachte immer, dass ich eigentlich ein Kleinstadtmensch bin. Das hat sich bestätigt“, erklärt die junge Frau. Anfangs sei es dennoch schwer gewesen, sich umzugewöhnen. Dabei seien die Unterschiede zwischen den Ländern nicht entscheidend gewesen: „Berlin war irgendwie vertraut.“ Es sei vielmehr das gewesen, was Groß- und Kleinstadt unterscheide und sie habe Friedrichshafen ausgerechnet während der Nebelzeit zum ersten Mal besucht. „Leere Straßen machen mir im Dunkeln Angst“, gibt sie zu. In Menschenmengen fühle sie sich hingegen sicher. „Doch ich denke, das ändert sich noch“, ist sie überzeugt. Heute führt sie in Friedrichshafen einen eigenen Laden für Kunsthandwerk. Sie ist angekommen. Während unseres Gesprächs kommen Stammkundinnen auf einen Mocca vorbei. Ich mag wissen, was sie an ihrer Heimat vermisst. Sie kommt ins Grübeln. „Ich vermisse aus meiner Schulzeit die allererste Frühlingswoche, in der wir angefangen haben, keine Strumpfhose zu tragen und diesen Frühlingsgeruch. Das sind so ganz spezifische Sachen“, fängt sie dann an Worte für etwas zu finden, das sich kaum in Worte fassen lässt. Sie schweigt kurz. Dann meint sie: „Um diese Dinge wiederzuerleben bräuchte ich die damalige Zeit und das damalige Leben wieder. Vielleicht vermisse ich auch einfach meine Kindheit. Ob ich alles mehr vermisse, weil ich hier bin, da bin ich mir nicht ganz sicher.“ Denn es habe sich so viel verändert. Viele Häuser in ihrer Nachbarschaft wurden abgerissen und neu gebaut: „In meiner alten Nachbarschaft hat sich so viel verändert.“ Die Baufirmen bieten viel Geld dafür, damit sie höhere Häuser bauen dürfen. Daher haben viele Leute, auch ihre Eltern, ihre Häuser zur Verfügung gestellt. „Jedes Mal, wenn ich dort bin, sieht es anders aus. Ich verlaufe mich jedes Mal“, lacht sie und wird dann wieder nachdenklich: „Deshalb denke ich, viele Sachen würde ich auch vermissen, wenn ich da wäre. Vielleicht sogar krasser.“

Weitere Bilder der Ausstellung: "Hört meine Stimme" finden Sie in der Bildergalerie >>hier<<