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Hört meine Stimme - Mais erzählt

21.01.2019 CJD Bodensee-Oberschwaben « zur Übersicht

Mais ist 16 Jahre alt und kommt aus Aleppo. Wir treffen uns am Meersburger Schloss, um uns herum tummeln sich Touristen und schießen Erinnerungsfotos. Immerhin fallen wir so nicht auf, als ich Mais porträtiere. Da wir uns vom Interview mit ihrer großen Schwester Rana bereits kennen, ist die Atmosphäre sofort locker und entspannt und wir kommen schnell ins Plaudern. Die 16-Jährige besucht zurzeit die neunte Klasse der Realschule. Dorthin hat sie im letzten Jahr von der Hauptschule gewechselt. Auf der Hauptschule fühlte sie sich nicht wohl: „Die anderen haben mich immer nur Flüchtling genannt und wurden wütend, weil ich bessere Noten als sie hatte.“ An der neuen Schule gebe es auch ein paar Schüler, die Vorurteile gegenüber Ausländern hätten, doch nicht so viele wie auf ihrer vorherigen Schule. „Es gibt nicht so viele gemeine Kinder“, erklärt sie. Komische Fragen würden ihr auch manchmal gestellt. Etwa: „Darfst du so ein kurzes T-Shirt tragen? Darfst du nachts rausgehen?“ Doch die netten Kinder sind in der Überzahl. Die fragen dann tatsächlich nach, neugierig und: „Sie sagen, sie mögen Syrien und wissen viel über unsere Kultur.“ Ihre Lieblingsfächer sind Biologie und Englisch. „Ich mag Biologie und mag auch gern mal Medizin studieren.“ Deutsch fällt ihr in der Schule schwer. Es sei sehr kompliziert. Allerdings besucht sie auch denselben Deutschunterricht wie Muttersprachler. Was sie am kompliziertesten an der deutschen Sprache findet? „Der, die, das – das lerne ich nie“, sagt sie. Außerdem gebe es im Arabischen keine Groß- und Kleinschreibung, auch das falle ihr daher im Deutschen schwer. Grundsätzlich gefällt es ihr, neue Sprachen zu lernen. Sie spricht bereits Türkisch neben ihrer Muttersprache Arabisch, lernt derzeit neben Englisch auch Französisch und möchte irgendwann auch Spanisch anfangen. Für später hat sie schon genaue Pläne. Sie möchte nach der Realschule aufs Gymnasium wechseln, dort ihr Abitur machen, dann Medizin studieren und schließlich Chirurgin werden. „Ich finde es spannend, was es in uns drinnen gibt“, erklärt sie. In der achten Klasse hätten sie den Aufbau des Herzens kennengelernt, das sei toll gewesen. Außerdem hat sie zwei Praktika gemacht, eins im Kindergarten und eins bei den Johannitern. Daher weiß sie auch, dass sie auf keinen Fall einmal Erzieherin werden möchte, erklärt sie lachend. Ihr kurzfristiges Ziel ist es nun erst einmal, so gut Deutsch zu sprechen, dass sie auf das Gymnasium wechseln darf. Das scheitert bisher nämlich einzig und allein an ihrer Deutschnote, in allen anderen Fächern sind ihre Leistungen bereits gut genug. „Selbst meine deutschen Freunde machen Fehler, das macht es so schwer, es zu lernen“, ergänzt sie. Sie muss lachen, als sie sich daran erinnert, wie sie eine Mitschülerin verbessert hat, als diese „frägt“ statt „fragt“ sagte und die Lehrerin ihr zustimmte. Wenn sie nicht gerade an ihrer beruflichen Zukunft bastelt, dann verfolgt Mais eins ihrer Hobbys. Sie schwimmt wie ihre Geschwister gern, außerdem singt sie im Jugendchor in Mühlhofen und spielt ein bisschen Klavier, das sie sich alleine mit Notenblättern beibringt. Bald möchte sie außerdem einen eigenen YouTube-Kanal anfangen, auf dem sie Vorurteile angeht und zeigt, wie junge (muslimische) Frauen aus Syrien tatsächlich leben und denken.

Zu Mais' Porträt und zu den weiteren Geschichten und Bildern der Ausstellung: "Hört meine Stimme" >>hier<<