Das CJD - Die Chancengeber CJD im Raum Bodensee-Oberschwaben

Hört meine Stimme - Eda erzählt

21.01.2019 CJD Bodensee-Oberschwaben « zur Übersicht

ENKELOEDA, 23 JAHRE

Enkeloeda wird aus praktischen Gründen „Eda“ genannt und wurde während des Jugoslawienkrieges im heutigen Kosovo geboren. Ihr Vater, damals Polizist, verließ zuerst die Heimat und flüchtete nach Deutschland, da seine Berufsgruppe gezielt verfolgt wurde. Während er dort versuchte, genug Geld zu verdienen, um die Reise nach Deutschland für seine Frau und die kleine Tochter zu finanzieren, mussten die beiden vor einem Angriff in die Berge flüchten und sich dort verstecken: „Wir sind so knapp davongekommen“, zeigt sie mit den Fingern. Die 23-Jährige erinnert sich nicht selbst daran, ihr wurde diese Geschichte später erzählt. „Ich war damals zwei Jahre alt, ich kann daher auch meinen Weg nach Deutschland nicht beschreiben“, sagt sie. Später räumt sie ein, dass sie ganz froh ist, sich an diese Zeit aus ihrem Leben nicht erinnern zu können und zu müssen: „Es wäre einfach zu anstrengend, diese Bilder im Kopf zu haben.“ Trotzdem erinnert sie sich an Panikattacken, wenn ihre Mutter einmal nicht zuhause war. „Mir geht’s heute gut“, schließt sie dieses „dramatische Kapitel“ ihres Lebens, wie sie es selbst nennt, ab und ergänzt ihre Lebens-philosophie, die sie von ihrer späteren Pflegemutter übernommen hat: „Das Leben ist niemals einfach, es darf auch gar nicht einfach sein, nur dann kann man merken, wie schön es auch ist.“

Die Frage nach ihrer Muttersprache beantwortet sie mit „Ein Mischmasch aus Deutsch und Albanisch in meinem Kopf.“ Deutsch sei dabei die stärkere Sprache, da sie in Deutschland lesen und schreiben gelernt habe. Dennoch merke sie – gerade in Stresssituationen – dass sie sich dann auf einmal nicht mehr richtig ausdrücken könne, oder Sätze wörtlich aus dem Albanischen übersetze, die im Deutschen dann gar nicht verständlich seien. „Ich habe die ersten acht Jahre meines Lebens vor allem Albanisch geredet“, erklärt sie. Dann sei ihre Mutter bei einem Unfall gestorben, ein weiterer Einschnitt in ihrer Kindheit. „Sie war weg und ich war auf einmal in einer deutschen Familie und musste Deutsch sprechen.“ Daher sei auch ihr Kenntnisstand des Albanischen im Kindesstadium geblieben. „Wenn ich meine Oma besuche, kann ich beispielsweise sagen, dass ich Hunger habe. Ich würde also schon überleben“, erläutert sie lachend. Nach dem Tod ihrer Mutter nahm die beste Freundin dieser sie auf. Zuerst als Pflegemutter, später ließ sie sich adoptieren. „Es war bestimmt nicht einfach für sie und ihren Mann“, betont Enkeloeda. Ihre Schwester und sie seien schließlich schwer traumatisiert gewesen. Und dann sagt sie, was sie von ihrer neuen Mama gelernt hat, ihre Lebensphilosophie nämlich: „Das Leben ist nicht einfach, es darf auch gar nicht einfach sein, denn nur so merkt man, wie schön es auch wieder sein kann.“ Die damals 43- Jährige jedenfalls war selbst nach Deutschland eingewandert, eine Rumänin und so hat Eda im Kindesalter auch etwas Rumänisch gelernt. Und: Wenn sie Rumänisch hört, fühlt sie sich heimisch. „Ich bin dankbar dafür, dass ich Ressourcen aus drei Kulturen zur Verfügung habe“, betont sie. In allen drei Kulturen fühle sie sich zuhause. „Wenn ich an Heimat denke, dann sehe ich ein Haus, das ein Mischmasch ist, das in einer Landschaft steht, die eine Mischung aus Schwäbischer Alb und Karpaten ist“, beschreibt sie. Ihre Eltern hätten sich auf der Schwäbischen Alb besonders wohlgefühlt, weil diese sie landschaftlich an den Kosovo erinnert habe. Das Wichtigste: „In allen drei Kulturen habe ich eine Wärme erlebt.“

Sie möchte basierend auf ihren Erfahrungen alle dazu ermutigen, anderen Menschen eine Chance zu geben, „und wenn es zu Reibereien kommt, kann man das ja ausdiskutieren.“ Das gelte für Deutsche gegenüber Immigranten genau wie für Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber den Deutschen, Vorurteile erlebe sie beiderseits. „In erster Linie bin ich weder Kriegsflüchtling, noch Mensch mit Migrationshintergrund, noch Pflegekind, sondern einfach ein Mensch, der etwas erlebt hat“, betont sie zum Schluss und wünscht sich neugierige Nachfragen und echtes Kennenlernen statt Menschenkategorien.

Weitere Bilder der Ausstellung: "Hört meine Stimme" finden Sie in der Bildergalerie >>hier<<